legende_nussberg

Riedenwanderung am Nussberg

Mit Johannes Gross

Seit Jahrhunderten gilt die Ried Nussberg aufgrund ihrer exponierten Lage als eine der besten Rieden der Region. Auch die kostbarsten Weine unserer Familie haben hier ihren Ursprung. Bei einer Wanderung durch die Weingärten am Nussberg erfahren Sie, was diese Lage so besonders macht.

Das Abenteuer beginnt vor der Haustüre

Ausgangspunkt der Riedenwanderung ist der Hof unserer Familie. Er befindet sich inmitten der Subriede „Pretschnigg“ [Anm.: Subrieden sind ein klar abgegrenzter Teil innerhalb einer Riede]. 1986 kauften unsere Eltern Alois und Ulrike Gross hier den ersten Weingarten mitsamt Kellerstöckl, weil sie wussten, dass die Verhältnisse am Nussberg ideal zum Produzieren von Spitzenweinen sind. In den folgenden Jahren siedelten wir allmählich mit dem ganzen Betrieb an diesen Ort. Heute leben mein Bruder Michael und ich mit unseren Familien hier am und – im wahrsten Sinne des Wortes – „mittendrin“ im Nussberg. Wir sind dankbar dafür, dass wir da leben dürfen. Wenn man jeden Tag nach dem Aufwachen direkt in den Weingarten blickt, hat man ganz automatisch eine enge Bindung zu diesem Platz.

Bereits die ersten Menschen, die sich in der Region ansiedelten, kultivierten und bewirtschafteten den Nussberg. Seine volle Blüte erlebte der Weinbau hier aber erst im 19. Jahrhundert, als sich der Nussberg allmählich zu jener einzigartigen Kulturlandschaft entwickelte, für die er heute so geschätzt wird: Der Weinbau dominiert den kargen und steilen Teil des Berges. In der Mitte finden sich Streuobstwiesen. Im unteren Teil des Nussbergs gibt es Äcker und Wiesen.

Die ersten Meter

Wenn man vom Weingut aus nach Süden spaziert, geht man linker Hand an den 2001 angelegten Terrassen vorbei. Das Gelände hat hier an manchen Stellen ein Gefälle von 85 %. Dementsprechend schwierig ist es zu bewirtschaften.

Die Arbeit in so einem steilen Gelände ist gefährlich und unser Vater spielte immer mit dem Gedanken, den Weingarten hier anders anzulegen und die Reben anders anzupflanzen.

2000 schließlich plante er gemeinsam mit Geologen die Steinterrasse. Sie verleiht dem Terroir in diesem Bereich des Nussbergs einen eigenen Charakter. Außerdem hat sie auch maßgeblichen Einfluss auf die Trauben des Gewürztraminers, die hier hinter dem Weingut wachsen: Die Steine speichern die Wärme der Abendsonne, geben diese kontinuierlich bis in die Nacht hinein an die Rebstöcke ab und sorgen so für einen optimalen Reifeprozess der Trauben.

Achtung, Wildwechsel!

Am Ende des Weges muss man einen Drahtzaun überwinden, der das kultivierte Gelände von einem Waldstück trennt. Der Zaun hält das Wild von den Weingärten fern, das gerade im Frühjahr enorme Schäden anrichten kann. Glücklicherweise sind Rehe aber sehr „wählerisch“. Sie lieben die frischen Triebe des Muskatellers, verschmähen aber die Sorten Morillon und Sauvignon, die an dieser Stelle wachsen. Insofern suchen die wenigen Rehe, die sich trotz des Zaunes in diesen Bereich des Weingartens verirren, schnell das Weite und verschwinden in den nächstgelegenen Wald.

Vielleicht fragen Sie sich, warum wir hier inmitten von kultivierten Weingärten eigentlich Wälder, Wiesen und Böschungen akzeptieren? Nun, wir legen keinen Wert auf Monokultur, sondern sind stolz auf die landschaftliche Vielfalt. In unseren Augen soll der Nussberg ein „gesundes” Biotop bleiben.

Was eine kostbare Lage am Nussberg ausmacht

Der Teil hinter dem Zaun zählt zu den besten Lagen am Nussberg. Hier befindet sich die wertvolle Quelle, die den Nussberg durchfließt und im Wald in einen Brunnen mündet. Das Wasser nutzten die Menschen schon vor hundert Jahren zum Bewirtschaften des Berges.

Im etwas oberhalb gelegenen Weingarten stehen bis zu 65 Jahre alte Reben. Den Weinstöcken sieht man das stolze Alter an: dicke Stämme, die schon viele Narben vom Leben davontrugen, dafür aber ein sehr tiefreichendes und stark verzweigtes Wurzelwerk haben. Das ist eine wertvolle Eigenschaft, die ausschlaggebend für die hohe Qualität der Trauben ist. Vor allem in einem Gebiet, wo man beim Graben teilweise bereits nach wenigen Zentimetern auf Opok (Kalk-Mergel) trifft.

Qualität vor Quantität

Von den vielen Parzellen, die wir hier am Nussberg besitzen, nutzen wir nur die oberen zwei Drittel – also die Hangkuppen und Steilhänge – für unseren Nussberg Sauvignon blanc. Von den vielen Parzellen, die wir hier am Nussberg besitzen, nutzen wir nur die oberen zwei Drittel – also die Hangkuppen und Steilhänge – für unseren Nussberg Sauvignon blanc. Die Erträge des übrigens Drittels sind auch hervorragend, passen jedoch besser zur Stilistik unserer Ortsweine. Sie repräsentieren neben den Lagen- und Gebietsweinen die ‚goldene Mitte’ in unserem Sortiment. Die Erträge finden sich in den Ortsweinen wieder.

Am Waldrand entlang geht es weiter Richtung Süden. Gerade in diesem Abschnitt trifft man immer wieder auf verdichteten Kalksandstein, der hier an die Oberfläche kommt. Das zeigt die kleinräumigen Unterschiede am Berg.

Wir lieben es, mit den unterschiedlichen Bodenverhältnissen des Nussbergs zu arbeiten. In anderen Regionen versuchen die Weinbauern beim Anpflanzen eines neuen Weingartens, die Erde möglichst gleichmäßig zu verteilen. Für uns stellen die unterschiedlichen Böden aber eine Stärke dar, mit der wir uns von anderen Weingütern abheben. Sie machen die Lagenweine erst so richtig einzigartig.

Die andere Seite des Nussbergs

Wie unterschiedlich die Lagen sind, wird spätestens beim nächsten Halt deutlich. Die „Leit’n“, wie die Subriede auf der südausgerichteten Seite des Nussbergs heißt, präsentiert sich im Vergleich zur „Pretschnigg“ weniger steil, der Boden ist homogener.

Während die „Pretschnigg“ die letzten Sonnenstrahlen des Tages einfängt, bekommen die Weinreben auf der „Leit’n“ die Strahlen der Morgensonne ab. Hier im Kernland des Nussberg Sauvignon blanc riecht es auffallend intensiv nach wilder Pfefferminze. Auf dem sehr gehaltvollen Opok-Boden (Kalk-Mergel mit hohem Lehmanteil) wächst die Gewürzpflanze in großen Mengen. Sehr zur Freude meiner Frau Martina, die die wilde Pfefferminze für den Eigengebrauch verwendet.

Wenn wir die „Leit’n“ verlassen und die Straße entlang Richtung Norden zurück in die „Pretschnigg“ marschieren, gelangen wir an den höchsten Punkt des Nussbergs. Da sieht man die unterschiedlichen Gegebenheiten erst so richtig.

Hier der steile Hang, felsig und karg. Dort ein bewaldeter Streifen, der die Subrieden „Leit’n“ und „Pretschnigg“ voneinander trennt.

Jeder Standort hat seine Besonderheiten

Diese landschaftlichen Kontraste beeinflussen das Wachstum der Weinreben maßgeblich. Das wiederum wirkt sich auf den Geschmack der Trauben aus: Wo die Bodenbeschaffenheit weich und erdig ist, haben die Wurzeln reichlich Platz, um sich auszubreiten und Wasser in großen Mengen zu speichern. Die Weinstöcke wachsen dort besonders stark und tragen viele große, grüne Trauben. Ein ganz anderes Bild offenbaren jene Reben, deren Wurzeln sich ihren Weg durch hartes Gestein bahnen müssen, um darunter an Wasser zu gelangen. Ihre Trauben sind kleiner, gelber und dickhäutiger.

Für den unvergleichlichen Geschmack unserer Lagenweine braucht es sowohl das eine als auch das andere. Beide Lagen sind qualitativ großartig. Die größte Komplexität erhalten wir, wenn wir beides zusammenführen.

Der Lieblingsplatz des Weinbauern

Von der Straße geht es wieder zurück hinein in die Weingärten. Nach ein paar Metern erreicht man einen wunderschönen Lindenbaum, den unser Vater Alois Gross 1995 pflanzte. Eine gemütliche Holzbank lädt zum Verweilen ein. Ich halte mich gerne hier auf, wenn es die Zeit erlaubt. Das Panorama, das sich vor einem auftut, ist atemberaubend.

Von hier oben, umgeben von Grauburgunder, Welschriesling und Sauvignon, überblickt man eine „besondere Klima-Nische der Südsteiermark“: Den „Ratscher Kessel“. Er schützt den Nussberg vor Frost und sorgt für moderate Temperaturen. Das ist auch unbedingt notwendig, da von der Koralpe über das steirische Randgebirge, das vom Lindenbaum aus ebenso zu sehen ist, abends immer eine kalte Luft über den Nussberg streicht.

Die Luft sorgt für starke Temperaturschwankungen zwischen Tag und Nacht, die vor allem zur Traubenreife im Herbst einen starken Effekt auf den Geschmack haben. Je stärker die Temperaturschwankungen sind, desto komplexer wird das Aroma. Während ausgeprägte Temperaturunterschiede für andere Weinregionen nachteilig sind, sind die Winde für die Ried Nussberg also günstig.

Klapotetz im Weingarten

Von Sommer bis Herbst untermalt ein Klopfen, das einem Trommelschlag gleicht, die Arbeiten im Weingarten. Am 25. Juli, dem Jakobitag, montieren alle Weinbauern die Klapotetze. Sie sollen die Beeren vor gefräßigen Vögeln schützen.

In Ratsch wird das Aufstellen der Klapotetze traditionell mit der Jakobiwanderung gefeiert. Wer unseren Klapotetz fernab des Trubels aufsuchen möchte, hat bis zu Martini (11. November) Gelegenheit dazu. Dann bauen wir die windradartige Vogelscheuche wieder ab.

In unmittelbarer Nähe zum Klapotetz befindet sich ein ganz spezieller Energieplatz der Familie: Ein Plateau von ungefähr vier mal vier Metern. Hier braten wir im August gemeinsam Mais, Schwester Veronika hat da geheiratet. Während der Vegetationszeiten, wenn ich jeden Tag in den Weingärten am Nussberg unterwegs bin, halte ich mich ebenfalls des Öfteren hier auf. Um Kraft zu tanken.

Die umgebende Steinmauer sowie die monumentale Baumkrone einer Kirsche bieten Schutz vor Wind und Wetter. Tritt man bis an den Rand der Terrasse, bläst einem von unten die zuvor erwähnte kühle Brise von der Koralpe ins Gesicht.

Reichhaltige Tier- und Pflanzenwelt

Stichwort Wind: Dieser bestimmt durch den Klapotetz nicht nur monatelang den Rhythmus am Nussberg. Er freut auch jenes Sperber-Pärchen, das den Aufwind hier tagtäglich nutzt, um sich höher und höher tragen zu lassen. Generell ist der Nussberg ein idealer Lebensraum für Tiere. Eidechsen, Blindschleichen und Schlangen lieben die exponierten Lagen. Hasen und Fasane das hohe Gras. Gelegentlich kann man auch ein Rebhuhn entdecken.

Wir mögen die vielen „Gäste“. Diese Lebendigkeit in unseren Weingärten ist uns ein großes Anliegen. Deshalb legen wir Wert auf einen nachhaltigen Weinbau. Wir verzichten auf Unkrautvernichter und Insektizide. So können Gräser, Blumen und Kräuter zwischen den Weinzeilen ungestört heranwachsen.

Gemäht wird lediglich einmal im Jahr, und das zu einem sehr späten Zeitpunkt.

Auf dem ersten Blick wirkt das vielleicht nicht so gepflegt, jedoch bringt das enorme Vorteile mit sich. Die biologische Vielfalt lockt viele Insekten an, die wiederum dafür sorgen, dass die Schädlinge im Weingarten nicht überhandnehmen.

Der nächste Abschnitt führt zurück und am Weingut vorbei. Talwärts, immer der Straße entlang. Hier dreht der Berg nach Westen, die angrenzenden Lagen sind nicht mehr ganz so steil, aber dennoch noch ideal für den Weinbau.

Wir wollen nicht auf „Teufel komm raus“ alles mit Rebstöcken vollstellen und verwenden nur jene Flächen für den Weinbau, die für guten Wein geeignet sind. Unsere Flächen, die bis hinunter ins Tal reichen, nutzen wir nach wie vor als Streuobstwiesen.

Symbol für Nachhaltigkeit

Am tiefsten Punkt der Tour fällt eine leichte Erhöhung ins Auge: Unser Komposthaufen. Ein weiteres Indiz für die Nachhaltigkeit, mit der wir hier arbeiten. Wir düngen die Weingärten nämlich mit eigenem Kompost. Er besteht aus Pressrückständen, aus Hackgut und aus Grünschnitt. Außerdem versorgen uns die Nachbarn mit Stall- und Pferdemist. Die frische Komposterde wird vor dem Pflanzen ausgetragen.

Vom Komposthaufen aus sieht man übrigens das Ziel der letzten Etappe: Eine idyllische Laube.

Fast geschafft!

Die Laube suchen wir alle gerne auf. Das ist auch so ein Lieblingsplatz, wo ich immer wieder Gäste treffe und ihnen von unserer Philosophie erzähle.

Von der Weinlese am Nussberg zum Beispiel. Grundsätzlich wollen wir die Arbeit im Sommer derart gestalten, dass wir den Nussberg auf einmal lesen können.

Durch die Einmalernte haben Weinliebhaber das komplexeste Bild vom Nussberg.

Manchmal aber spielt das Wetter nicht mit. Regen zum falschen Zeitpunkt macht eine Einmalernte unmöglich. Dann ist eine sogenannte „Negativselektion“ notwendig. Das heißt, dass wir die angefaulten und beschädigten Trauben rausschneiden, damit die guten reifen können und noch besser werden. In Extremjahren kann das durchaus drei bis vier Mal der Fall sein.

Die Negativselektion ist eine aufwändige und strapaziöse Arbeit, zumal wir ausschließlich mit der Hand ernten. Daran wird sich auch in Zukunft nichts ändern, obwohl die Maschinenlese in vielen Weinbauregionen bereits Standard ist. Erstens wäre die Ernte auf den steilen Hängen gar nicht anders möglich. Und zweitens hebt das die Qualität. Die Trauben werden zur optimalen Zeit geerntet und gelangen unbeschädigt in den Weinkeller.

Am Ziel seiner Träume

Der Rückweg hinauf zum Weingut macht trotz der abschließenden Steigung auch unseren Gästen keinerlei Probleme. Vielleicht ist es die Vorfreude auf ein Glas erstklassigen Lagenwein. Oder die Gewissheit, dass man in diesen zwei Stunden das gefunden hat, was unserer Meinung nach einen guten Wein ausmacht: Geschichte, Emotion, die intakte Natur und das Erlebnis „Nussberg“.

Haben Sie Lust auf eine Riedenwanderung bekommen?

Sie können die Ried Nussberg jederzeit zu Fuss erkunden. Das Erlebnis außerhalb des virtuellen Raumes – mit allen Sinnen – ist sowohl für Weinfreaks als auch für Familien bestens geeignet. Um den ganzen Weg ungehindert beschreiten zu können, möchten wir Sie bitten, uns vorab Bescheid zu geben und einen geeigneten Zeitpunkt zu vereinbaren.

Telefon: +43 3453 2527
Mail: weingut@gross.at

Bis demnächst!
Ihr Johannes Gross